März 2026
In den letzten Jahren habe ich mich immer mal wieder mit dem Konzept des sogenannten Swedish Death Cleaning* beschäftigt. Hinter diesem martialisch klingenden Begriff steckt nichts anderes als der Gedanke, dass Menschen nach dem Auszug ihrer erwachsenen Kinder oder mit dem Gedanken an ihr eigenes Lebensende beginnen, ihren Besitz und eventuell auch den Lebensraum zu reduzieren. Ein Leitgedanke ist, dass Kinder oder andere Angehörige nicht mit dem Krempel und den Lebenserinnerungen der eigenen Eltern belastet werden sollen. Ich kann diesem Gedanken sehr viel abgewinnen.
Mein Mann und ich haben bis vor wenigen Wochen noch alle vier Elternteile in unserem Leben gehabt; nun sind es noch drei und natürlich ist uns bewusst, dass auch die anderen drei Elternteile in den nächsten Jahren sterben werden. Das ist der Lauf des Lebens und auch wir werden eines Tages sterben und unsere Kinder werden weiterleben. Wenn das Leben in dieser Linearität verläuft, dann ist alles gut und man kann sich glücklich schätzen, dass man es nicht anders erleben musste. Ich habe zu oft mitbekommen, dass Kinder vor ihren Eltern sterben; das ist grausam. Wenn aber Menschen mit über 80 Jahren sterben, dann ist alles gut gegangen. Insbesondere, wenn man vom verstorbenen Menschen sagen kann, dass dessen Leben reich gewesen ist. Dass ich mit dem Wort „reich“ keinen materiellen Reichtum meine, ist hoffentlich klar. Ein reiches Leben ist erfüllt von liebevollen und gut gepflegten sozialen Beziehungen, von einem Familienleben, das einen gut durch die Zeiten getragen hat, von Freundschaften, die von Lachen, Verständnis, gegenseitiger Unterstützung, einem stets offenen Ohr geprägt waren. Ein reiches Leben hat viel gesehen von der Welt, was nicht immer Reisen in die Ferne bedeuten muss, sondern auch heißen kann, dass jemand viele Flüsse in der Nähe mit dem Fahrrad bereist hat oder alle Ostseeländer intensiv kennengelernt hat oder einfach nur einen Ort der Welt geliebt hat. Es gab eine Arbeit, die gut war und nicht als Qual empfunden wurde. Und in einem reichen Leben gab es viel zu lachen und oft eine Leichtigkeit, weil eben dieses Leben als schön empfunden wurde. Und bitte: Damit meine ich nicht, dass ein Leben stets unkompliziert oder ohne Verluste verläuft, das gibt es nämlich nicht. Ein erwachsenes Leben führen heißt anerkennen, dass wir alle Verluste erfahren: den Verlust von geliebten Menschen, von eigener Gesundheit, von Gewissheiten. Oft auch den Verlust von Freiheit und Sicherheit, je nachdem, wo man lebt. Das erlebt jeder Mensch in der einen oder anderen Form. Wem es trotzdem gelingt, ein reiches Leben zu schaffen, der hat vieles sehr gut gemacht. Und wenn ein solches Leben dann endet, dann sollte man bei aller Traurigkeit froh sein, dass die Person ein erfülltes Leben hatte. Wenn unsere noch drei Elternteile im Laufe der kommenden Jahre sterben werden, möchte ich nicht betrauern, dass sie tot sind, sondern mich gerne an die schöne Zeit miteinander erinnern. Mit Blick auf meine Eltern gibt es für mich heute schon einige vorherrschende Gefühle: Dankbarkeit, Liebe, Geborgenheit.
Es gibt lediglich ein einziges Element, dass ich sowohl bei Eltern als auch Schwiegereltern als schwierig und belastend empfinde: Die Unmengen an Besitztümern aus der Kategorie Krempel, um die wir uns dann kümmern müssen.
Für mich selbst habe ich schon lange den Beschluss gefasst und setze ihn um, dass meine Kinder nicht mit meinem alten Schrott belastet werden sollen. Mir ist komplett bewusst, dass sie die von mir geliebten Möbel nicht so schick finden wie ich. Dass sie meine Bücher nicht lieben. Dass sie fast nichts von meinen Sachen haben wollen, außer ein oder zwei Erinnerungen und vielleicht ein paar wenige Haushaltsgegenstände, die sie zufällig brauchen können. Der Rest ist eigentlich Müll, machen wir uns doch nichts vor. Für Menschen meiner Generation, wo Fotoalben und Diakästen keine Exotika sind, sondern normales Inventar, wird es jetzt ganz schlimm: Auch diese, unsere, Lebenserinnerungen sind für unsere Kinder in weiten Teilen alter Schrott und werden in der Müllverbrennung landen. Das ist hart, ich weiß. Ein paar schöne Fotos von uns Eltern und ein paar gemeinsame Urlaubserinnerungen werden sie behalten, aber all die alten Bilder von der Klassenfahrt nach Prüm, der Tour nach Paris und in die Bretagne, sind für sie total uninteressant. Und das ist auch völlig in Ordnung. Sie müssen ihre eigenen Lebenserinnerungen schaffen und dafür muss Raum sein, den nicht die Eltern komplett besetzen dürfen.
Beim Swedish Death Cleaning räumen Eltern genau diesen Ballast selbst auf. Die Bücher, die man nicht mehr liest, kommen in den Bücherschrank. Hausrat, den man nicht bis in seine letzten Tage nutzt, wird verschenkt. Die Kinder werden zu Lebzeiten gefragt, ob sie Erinnerungsstücke haben möchten und wenn sie legitimerweise nicht möchten, dann vernichtet man diese selbst. Ich weiß noch nicht, ob ich das mit Fotos und dergleichen schaffen werde, aber ich habe es mir vorgenommen.
Ich finde diesen Gedanken schön, dass ich meinen Kindern keine emotionalen Zumutungen hinterlasse. Bestenfalls brauchen sie ein paar Tage und haben nach meinem Tod alles aufgeräumt, was zwangsläufig noch da war. Dann sollen sie beisammensitzen, Tee trinken und sich hoffentlich ein paar lustige Geschichten über die Schrullen ihrer Mutter erzählen. Alles übrige ist entweder schon von mir aufgeräumt oder monetarisiert, worüber Kinder sich nunmal am meisten freuen. Aber über das Thema Erben und Nachlass werde ich ein anderes Mal schreiben.
*Der Begriff ist die englische Übersetzung des schwedischen Originals „Döstädning“ und geht zurück auf das Buch der schwedischen Autorin Margareta Magnusson mit dem Titel „Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen.“
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